Zwischen Zerreißprobe und Zufriedenheit

Mama, entspann dich mal! Gut, also gehe ich in den Wald. Eilig. Ich suche. Hier zwischen den Bäumen muss ich sie irgendwo verloren haben. Ich schließe kurz die Augen und lausche dem Rauschen der Blätter. Müde. Sobald die Augen geschlossen sind, deutet mein Körper dies als Signal, endlich schlafen zu dürfen. Neulich wäre ich fast beim Tauchen im Schwimmbad eingeschlafen, weil ich nur mit geschlossenen Augen tauchen kann. Also öffne ich die Augen wieder und gehe weiter, erst den kleinen Weg links rein, dann wieder links. Hier müsste doch die Hundewiese sein. Ich habe mich verlaufen. Ich fühle mich orientierungslos, hilflos. Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. „Ich komme zu spät, denke ich“, und frage mich gleichzeitig wohin eigentlich? Das Abendessen ist vorbereitet, die Wäsche hängt schon auf der Leine, ich habe drei Akquise-E-Mails versendet und mit der Versicherung telefoniert. Es gibt nichts mehr zu tun, eigentlich. Und eigentlich bin ich ja in den Wald gekommen, um den SEIN-Modus zu finden. Etwas zwingt mich, stehen zu bleiben. Ich atme ein und aus. Ich atme den Duft von Moos und Erde. Ich denke kurz an unsere bisher noch ungelöste Urlaubsplanung und schicke den Gedanken dann weiter. Atmen. Und lauschen. Knack, knack. Raschel, raschel. Hundebellen in der Ferne. Der Trommelwirbel eines Buntspechtes. Und dann plötzlich sehe ich sie plötzlich. Sie kommt langsam näher und schließlich vor mir zum Stehen: meine Balance.

„Hey, na“, sagt sie lässig und mit tiefer Stimme. „Da bist du ja mal wieder.“ Es klang nicht wie ein Vorwurf, nicht anklagend. Vielmehr anerkennend und weise.

„Hey“, sage ich. „Ich habe dich gesucht.“ „Da bin ich“, sagt meine Balance.

Wir gehen ein paar minutenlang still nebeneinander her. Mein Tempo passt sich dem meiner Balance automatisch an. Wir schlendern. Meine Sinne blühen auf. Alles riecht auf einmal intensiv: Bärlauch, Tanne, Holz. Leichter Wind. Matschige Erde unter meinen Sohlen. Sonnenstrahlen, die sich durch die Bäume brechen. Ein Eichhörnchen huscht flink einen Kastanienstamm empor.

Ich möchte mehr davon. „Komm schnell zu der Wiese mit den Buschwindröschen“, schlage ich vor. „Schnell? Das ist nicht meine Art“, erwidert meine Balance. „Verwöhn doch jetzt seine Sinne, mit dem was da ist und dann kommst du morgen einfach wieder und wir schlendern zu den Röschen“, schlägt sie vor. Morgen, denke ich, morgen, da muss ich erst ein Konzept erarbeiten, dann zur Post, etwas Homeoffice und Home-Schooling, Mittag essen kochen für das Pubertier und nachmittags kommen Mann und Kinder zum gemeinsamen Backen, um dann … “Du bist nicht im Hier und Jetzt“, werde ich respektvoll ermahnt. Richtig! Der Sein-Modus. Darum bin ich hier. Ich atme tief ein und aus, einfach nur so. „Ich möchte mit zu mir nach Hause einladen heute. Kannst du mitkommen auf einen Tee? Ich frage, ganz vorsichtig, weil ich denke, dass ich es nicht schaffe, einfach nur so zu atmen, während um mich herum alle was von mir wollen, während Lärm herrscht und Geschnatter, überall immerfort Geschnatter Telefonklingeln, dann Paketdienste, die klingeln, um Dinge für den Nachbarn abzugeben. Dann wieder Telefon. Ich komm zu nichts! „Ich kann nicht mir dir gehen, heute kommen noch viele andere Suchende zu Besuch, da will ich hier sein.“

Die Balance reißt mich aus meinen Gedanken. „Hier im Wald kommst du zur Ruhe“, sagt die Balance. „Komm morgen wieder!“ „Ja“, sage ich. „Ist gut.“ Für einen Moment lang kann ich sie spüren, die Ruhe. In den Adern und Gliedern, in den Augen und auf der Stirn, in jedem Organ. Mein Herz geht langsam, es stolpert nicht mehr. Wortlos reicht mir meine Balance einen Wanderstock zum Abschied. „Bis morgen“, sage ich. „Bis morgen“, antwortet meine Balance.


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