Wurstsalat

Aktualisiert: 8. Juli 2020

Ich habe geschrien. „Du bist nur eine kleine Wurst!“ Von unten aus dem Wohnzimmer habe ich geschrien, laut, wütend, ihm hinterher. Nicht, weil ich das wirklich so meinte. Vielmehr aus purer Verzweiflung. Er stand Sekunden vorher vor mir, 12 Jahre, superfrech, superrespektlos, supergrößenwahnsinnig. Ein kleiner Trump, der jegliche Verantwortung für sein Tun und Nicht-Tun von sich weist, der bei allem den Finger nach außen richtet und die Schuld auf fremden Schultern verteilt, der die Tatsachen verdreht und Fäkalsprache benutzt. FÄKALSPRACHE - In meinem Zuhause. Meine Brut. Mein Fleisch und Blut. Und er drehte sich nicht mal mehr um. Er knallte seine Zimmertür und war weg. Er weinte nicht mal.

Als Kind weinte er dann wenigstens und wurde dann ganz klein und anhänglich. Jetzt bäumte er sich einmal mehr auf, so als müsse er der Welt und allen voran mir beweisen, dass er keine kleine Wurst, vielmehr ein ordentliches Stück Steak ist.

Er ist ein Kind mehr aber ein Kerl eben auch nicht. Er ist irgendwas dazwischen. Vielleocht ein Wurstsalat. Undefinierbar in Laune und Charakter. Nicht greifbar. Wabernd. Unnahbar. Schweigsam. Introvertiert. Anders als vor Monaten noch. Das macht mich wahnsinnig.

Ich weine. Mir geht es nicht gut. Ich schäme mich für die kleine Wurst. Ich bin wütend darüber, die Kontrolle über die Situationen zu verlieren. Ich bin 47 Jahre und fühle mich hilflos.

Erst mal eine Nacht über den Streit schlafen? Pustekuchen. Ich drücke kein Auge zu. Gedankenkreisen. Tags darauf gehe ich zu ihm und setze mich schweigend auf sein Bett. „Was willst du?“ fragt er. „Ich will nicht, dass wir uns streiten. Ich will, dass du verstehst, dass wir es gut meinen. Nachts um 1 Uhr chatten geht nicht mit 12 Jahren. Da musst du schlafen und wenn bald die Schule endlich wieder los geht, dann...“ Er pampt mich an: „Geh aus meinem Zimmer.“ Tür zu. Ich weine wieder. Aus Verzweiflung, Wut, wie ich so doof bin und das Gespräch suche? Ich weiß nicht, warum. Nicht nur mein Kind verliert sich gerade, ich als Mutter tue es auch.

Es frisst mich von innen auf. Ich will Harmonie und Gemeinschaft. Lernfreude, Austausch, Respekt. Ist es respektlos, seinen Sohn kleine Wurst zu nennen? Ja. Ich bin dünnhäutig geworden. Und ratlos.

Nach zwei Stunden kam er zu mir runter. Mit Nasenbluten. Und Tränen in den Augen. „Ich weiß nicht, warum ich so bin. Ich will doch gar nicht so sein. Eigentlich möchte ich in deinen Arm und mich entschuldigen. Aber das kann ich in dem Moment irgendwie nicht.“

Ich kann dann nicht anders. Ich weiß nicht warum ich so bin.

„Ich will auch nicht die Dinge sagen, die ich in solchen Momenten sage.“ Da haben mein Sohn und ich etwas gemeinsam. Immerhin.

Wie geht es euch? Wie geht ihr mit den pubertären Schwankungen um?

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