Von Wurzeln und Flügeln

Ich übe gerade eine neue Fähigkeit: die des Loslassens. Was für eine Herausforderung.

Heute morgen zum Beispiel habe ich unser Frühstücksritual sausen lassen, denn das Pubertier wollte nichts essen. Ich hatte, wie jeden Morgen seit naja sagen wir acht Jahren – die Müslischalte bereitgestellt, den Kakao eingegossen, die Brotdose gepackt. Umsonst. „Mama, ich frühstücke jetzt nicht mehr, ich schlafe lieber etwas länger“, eröffnete mir das Pubertier. Das klingt eigentlich nach einem entspannten Start in den Tag für alle Beteiligten. Wenn nicht auch das gemeinsame Mittagessen urplötzlich ad acta gelegt worden wäre. Ganz gleich wie hektisch mein Arbeitstag war, stets habe ich des Kindes wegen versucht, ihn um die Mittagsmahlzeit herumzubauen: Biowürstchen, frisches Gemüse, Demeter-Eier. Nun mache ich die Erfahrung, dass die pubertierenden Jungs lieber in der Clique nach der Schule chillen und dann bei diversen FastFood-Ketten futtern gehen. Und so sitze ich seit kurzem mittags alleine bei Kartoffeln mit Quark. Das Vorlese-Ritual am Abend ist schon seit längerer Zeit über den Haufen geworfen worden (Mama, ich höre Musik zum Einschlafen!) und selbst zum Klamotten kaufen darf ich plötzlich nicht mehr mit in die City kommen, sondern nur noch das Portemonnaie aufhalten („Gönn mal 200 Euro, ich mach das mit `n paar Freunden“). Und jüngst verkündete Lenny mir, wie er seinen 13. Geburtstag im November feiern will: „Ne fette Party bis nachts um Eins mit ein paar Leuten aus der Klasse, lauter Musik und Diskolicht. Und ihr (gemeint sind Rudi und ich) könnt schön essen gehen.“ Was so viel bedeutet wie: Ihr bleibt bitte auf jeden Fall weg!

Das Kind wird flügge. Sein Radius erweitert sich täglich um ein Vielfaches. Manchmal ist er so weit weg, dass er gar nicht mehr erreichbar ist. Er geht dann auch einfach nicht ans Telefon, weil das uncool ist. Er schaltet auf Durchzug, wenn auch nur die kleinste Assoziation zu Schule geweckt wird, wie der täglich grüßt das Murmeltiersatz „Brotdose bitte aus dem Ranzen holen!“ zum Beispiel. Selbst die blauen Haken in WhatsApp hat er ausgestellt (ich weiß bis heute nicht, wie das geht). Ohne blaue Haken fühlt er sich unabhängiger. Selbständigkeit ist für die Kids ja so wichtig. Und warum beschwere ich mich, ich habe doch plötzlich wieder ganz viel Zeit für mich. Wenn das Loslassen nur nicht so schwer wäre!

Lenny hält mich an der langen Leine. Ich hingegen möchte ihn am liebsten ganz dicht an mich ketten, weil sich das so neu und so seltsam anfühlt, diese Unerreichbarkeit. Dieses plötzliche nicht helfen dürfen, nicht kontrollieren können, nicht wissen wo er ist, nicht gebraucht und nicht informiert zu werden - ja, das saugt Kraft. Ich pendele zwischen Vertrauen (er wird ab jetzt auch ohne mich groß) und Zweifeln (so wird er niemals groß!) so sehr hin und her, dass mir ganz schwindelig ist.

Auf die Phase der Pubertät kann man sich als Eltern schwer vorbereiten. Hin und wieder sinnieren Rudi und ich darüber, wie das bei uns so war, damals. In einer Jugend ohne Youtube und Yoga für Jungs. Rudi behauptet, bei ihm sei das alles nicht so heftig gewesen. Ich behaupte, er hat das verdrängt. Denn wenn einem als Erwachsener noch bewusst ist, was man seinen Eltern damals als Teenager „angetan“ hat, dann müsste man den ganzen Tag in der Ecke stehen, um sich zu schämen.

Wie dem auch sei, es ist an der Zeit, dem Kind die Flügel zu stylen, ihm Entwicklungsraum zu schenken, sich in Milde zu üben, nicht ständig zu motzen, sein Tun (und Lassen) ernst zu nehmen und Aktionismus gegen Akzeptanz zu tauschen. Es ist an der Zeit darauf zu vertrauen, dass er mit dem gutbürgerlichen Wertekanon, den wir ihm mitgegeben haben bestens verwurzelt ist und nur gerade ein bisschen Unkraut darüber wuchert.

Es darf leicht sein. Auch das ist eine neue Lektion. Als Mutter muss man wieder genießen lernen. Morgens eine viertel Stunde länger schlafen? Juchuu! Mittags nach dem Job nicht mehr hektisch nach Hause radeln? Cool! Nie wieder zu Sport-, Musik- und Geburtstagsevents chauffieren? Läuft! Ich habe mehr Zeit. Vielleicht fange ich endlich mal wieder mit Mediation an.

Gerade hat das Pubertier angerufen, dass es erst heute Abend gegen 20 Uhr nach Hause kommt. „Wir gehen noch Döner essen.“ Ooohhhm.

Thema des Tages: Raum für Entwicklung schenken!

Aus eigenem Antrieb kann man sich erst dann verändern, wenn man zuvor ausreichend lange ohne Vorbehalte sein durfte. Dem anderen Entwicklungsraum schenken, ihn sehen, hören und ernst nehmen – all das fällt Eltern von Pubertierenden oft besonders schwer.

Als Familien-Coach begleite ich Menschen dabei herauszufinden ihre Rollen im Familiensystem zu finden, herauszufinden wer sie sind und wofür sie stehen, statt anderen vermitteln zu wollen, wer sie sein sollten. Ich unterstütze Menschen, ein echtes Interesse am Denken und Fühlen für sich selbst und für das Gegenüber zu entwickeln und so Akzeptanz und Verbindung füreinander zu schaffen.

Sie haben Interesse an einem psychologischen Coaching ? Sprechen Sie mich an. info@elawindels.de

148 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Alle 14 Tage ...