Resteessen

Ich sag’s mal mit den Fantastischen Vier: Es könnt alles so einfach sein.

Besonders im Corona-Jahr, wo die Verordnung nahezu genauestens vorschreibt, wer mit wem das Weihnachtsprivileg genießen darf, wird es für viele Familien entspannter als sonst: kein Verwandten-Marathon, weniger Geschenkenerv, kein Freizeitstress (hier noch ´ne Weihnachtsfeier, da noch ´n Glühwein und am 23. fix noch in das alte Heimatkaff gedüst, um die alten Schulfreunde zu treffen und dann am 24. wie immer leicht durchzuhängen und spätestens beim Vaterunser in der Kirche kurz mal wegzunicken ...). Nicht mal Kirche ist in diesem Jahr eine Option. Der Großeinkauf fällt ebenso weg wie die Zubereitung des Festtagsmenüs, denn viele handeln in diesem Jahr nach dem Motto: Support Your Local Heroes und bestellen ganze Gänse im Restaurant um die Ecke. Und wer jetzt noch kein kreatives Geschenk unterm Baum hat, der rennt nicht am Vormittag des Heiligen Abend noch mal eben schnell los, denn er hat die beste Ausrede aller Zeiten: Der Paketdienst war nicht pünktlich! Weihnachtsstress 2020? Schnee von gestern.


Leider muss ich nun nochmal die Fanta Vier zitieren: Isses aber nicht!

Zunächst mal, wenn man an alle die denkt, die wirklich allein sind zum Fest der Liebe; die, die Angst haben, sich anzustecken und jene, die sich gar angesteckt haben oder Angehörige haben, die sich auf keinen Fall anstecken dürfen. Es ist ja nicht in Stein gemeißelt, dass man die Regeln ausreizen muss, nur weil man darf. Die Regeln, ach!

Kann mir jemand den Unterschied zwischen Angehörigen und engstem Familienkreis erklären? Für Patchwork-Familien ergeben sich da möglicherweise noch mehr Fragen als für Kernfamilien. Die Corona-Verordnung Niedersachsen verweist auf Paragraf 11 des StGB. Nur gut, dass sich der Teenager neben dem Grundgesetz ein Strafgesetzbuch zu Weihnachten gewünscht hat, einfach so. Da könnten wir stöbern. Leider ist das Paket noch nicht da. DHL ist überlastet.

Und bei allem Ungewissen in diesem Corona-Jahr – kommt Omi nun oder lieber nicht oder vielleicht, mal sehen, wie sich die Zahlen so entwickeln und ob nicht doch noch jemand spontan einen Husten bekommt oder so – muss in vielen Patchwork-Konstellationen häufig noch mit der Unbekannten X kalkuliert werden (wer sich hier ein „e“ mitdenkt, ist selber schuld): Wer bekommt Heiligabend die Kinder? Wer am ersten Feiertag? Und wer hat nur den zweiten Feiertag, quasi das Stiefkind unter den Feiertagen, wo der Baum schon krass nadelt und die Reste gegessen werden?


Für uns ändert sich in diesem Jahr nichts, wir feiern im engsten Familienkreis, inklusive Oma. Wie in jedem Jahr. Auch das Wetter ist traditionell mies. Neu ist nur, dass wir erstmalig eine ganze Gans gekauft und die Kirche storniert haben. Und der Teenager will kein Weihnachtsgedicht mehr vortragen. Dafür schreibt er lieber WhatsApp mit seiner ersten Freundin. Was für ein schönes Geschenk!

Die Patchwork-Kinder gehören am Heiligen Abend ihrer Mutter. Ihre Augen dürfen dafür am Zweiten Feiertag bei uns Zuhause glänzen. Dann gibt es Resteessen. Das kann ich so phantastisch zubereiten, als wäre es das eigentliche Festmahl. Alles hat seine Zeit.


Nun ist Zeit, Ruhe einkehren zu lassen, sich dem engsten Familienkreis zu widmen und den Wein zu dekantieren. In diesem Sinne wünsche ich allen ein entspanntes und genussreiches Weihnachten 2020!



68 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kaputt gekuschelt?