Patchwork + 1 - unser neuer Mitbewohner

Seit einigen Wochen haben wir einen neuen Mitbewohner. Er heißt Schlendrian. So klangvoll sein Name, das Dach möchte man eigentlich nicht so gern mit ihm teilen, denn irgendwie nervt er. In den kalten Schneetagen klopfte er an und bat um Herberge und naja – was soll ich sagen: Wir ließen ihn gutmütig rein. Seitdem sind einige Wochen vergangen, draußen strahlt die Frühlingssonne und der Himmel hat wieder Farbe bekommen. Aber Schlendrian hängt immer noch bei uns ab, frisst sich durch, klagt über alles, was anstrengend ist und fleetzt sich in Jogginghose von einem Sitzmöbel auf das Nächste.

Wenn der Wecker um halb acht klingelt, lässt er nochmal Fünfe gerade sein. Schmutzige Socken auf dem Fußboden ignoriert er ebenso wie Schuhe putzen und auch dreckiges Geschirr rund um den Schreibtisch scheren ihn nicht die Bohne.

Überhektisches Aufräumen verachtet Schlendrian noch mehr als mal eben schnell einkaufen zu fahren. Arbeiten? Später! Duschen? Morgen! Instrument üben? Och nö!

Schlendrians schludrigen Umgang mit sportlichen Aktivitäten möchte man gar nicht erst erwähnen. Den Tipp, bei uns zu hausen, hat Schlendrian von seinem Schwippschwager Corona. Keine Ahnung, wie der ausgerechnet auf uns kommt. Deren Familie scheint aber größer zu sein, denn unsere Freunde und Nachbarn haben zum Teil auch Verwandte von Corona aufgenommen.

So sympathisch er auch sein kann, so groß unser Herz für Außenseiter auch ist – wir halten lieber Abstand von Schlendrian. Umarmen mag man ihn auch nicht wegen der mangelnden Körperhygiene und der Furcht, dass wir uns mit seinem Herumgehänge irgendwann anstecken könnten.

Neulich stellte ich mal vorsichtig die Frage, wie lange er uns noch auf dem Pelz liegen will. „Solange das Leben allerorts sowieso heruntergefahren ist“, sagte er lustlos.


Das Handy brummt zur Sekunde, um eine Lockdown-Lockerungsmeldung zu verkünden. Es gibt Hoffnung. Wenn schon ganz bald wieder Gastronomie, Boutiquen und Blumenläden, Sportvereine und Schulen öffnen, dann können wir Schlendrian guten Gewissens gehen lassen. Vielleicht rafft er sich die Tage ja freiwillig auf.


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