@home mit Sonne im Hintern

Seit nunmehr acht Wochen harren wir zuhause aus. Essen strukturiert unseren Alltag, der deutlich später und deutlich entspannter beginnt als in den vergangenen sechs Jahren Schulzeit, die Lenny bisher hinter sich hat. Wir treiben Sport zuhause, wir lernen zuhause, wir arbeiten zuhause. Das Pubertier zockt stundenlang zuhause, die Zwillinge toben einen tucken zu wild zuhause und wir glotzen abends eine Netflix-Serie nach der anderen - zuhause. Am Anfang war das alles cool. Mittlerweile nervt es. Wir vermissen Theaterbesuche, gesellige Runden mit Freunden und Saunasonntage. Auf Restaurantbesuche haben wir keine Lust (viel zu ungesellig). Auf shoppen gehen mit Maske auch nicht (viel zu nervig). Und Sport im Freien? Naja, besser als Workouts im Wohnzimmer.

Neulich waren wir im Autokonzert. Kultur genießen. Ein Konzert im Auto. Das bedarf eigentlich keiner weiteren Erklärung. Der Sound kam aus dem Radio und aus dem Fenster des Passats neben uns. Vor der Leinwand hing der Innenspiegel. Auf der Frontschreibe war ein Taubenschiss. Während die Bühne gerockt wurde, stießen unsere Knie beim kleinsten Wippen an die Kupplung. Von einer Rückkehr zur Normalität kann also keine Rede sein, auch wenn die Lockerungen vielversprechend klingen.

Einmal mehr traf mich die neueste Lockerungsmeldung unserer Landesregierung heute wie ein linker Aufwärtshaken und warf die hart erkämpfte Mittelmaßlaune brutal zu Boden. Die Bars dürfen wieder öffnen. Schulen zu, Kneipen offen? Während wir uns also pünktlich zum Vatertag wieder gesellig an den Bars der Stadt treffen, dödelt mein Pubertier zu Hause weiterhin ohne Freunde, ohne Schule, ohne Sportverein und ohne seine Oma herum.

António Guterres äußerte heute die Hoffnung, dass aus der Krise eine bessere Welt hervorgeht. Eine Zukunft mit mehr Gleichheit und sozialen Sicherheitsnetzen. Im Moment machen viele eine Rolle rückwärts. Vor allem wir Mütter spüren täglich ein Ungleichgewicht.

Zum Glück ist mein Pubertier selbständig und ich muss nur ein bisschen kochen und ein bisschen einkaufen, ein bisschen Sorgearbeit betreiben und ein bisschen die Übellaunigkeit ertragen neben dem bisschen Homeoffice, das ich erledigen muss und den bisschen Geldsorgen die mich als Nebenbei-Selbständige ohne Aufträge umtreiben. Alles im Rahmen. Im Vergleich zu vielen anderen, selbst im Freundeskreis, scheint uns zuhause die Sonne aus dem Hintern. Nur selten stellt sich ein Gefühl ein, bei dem ich nichts anderes will, als unter einen riesigen Rettungsschirm zu kriechen und mich ganz klein zu machen, in die Knie schluchzen dürfen, berührt und getröstet werden und es soll jemand sagen „alles wird gut“ und dieser jemand soll bitteschön auch dafür sorgen, dass wirklich alles gut wird. Auch für die, die mit Mehrfachbelastung, Altersarmut, Sorgearbeit und häuslichen Gewalt konfrontiert sind. Auch für die, die kapitalismus klein schreiben und für die Heuschrecken schlichtweg eine Ordnung der Insekten bedeuten.

Kaum auszumalen, was wäre, wenn ich drei Schulkinder hätte, die alle unterschiedlich in ihren Schulen präsent sein müssten. Dazu vielleicht einen eigenen Friseursalon oder ein Fitnessstudio. Und alleinerziehend. Nein, mir scheint wirklich die Sonne aus dem Hintern. Mich überfordern höchstens mal die Pausenregeln, die unsere Schule herumschickt: Mo, Mi und Fr dürfen die Kinder mit dem Buchstaben A-K den Pausenbereich A-E nutzen, Di, Do dann die Kinder ... Naja so in etwa. Diese ganzen neuen Regeln in Schule, Job und beim Einkauf erfordern mehr Denkleistung als die Änderungen der Wagenreihung der Deutschen Bahn. Und das will schon was heißen. @home. Immer noch. Wir sind in der Lage, das Beste draus zu machen. Und wenn nichts mehr geht, dann gehen wir eben in die Kneipe.


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