Gott und die Welt

Der Teenager hat seit ein paar Wochen Konfirmandenunterricht. Coronabedingt findet er leider nur in Form von postalischen Aufgaben statt. Dafür haben wir jetzt eine Bibel zu Hause. Ich hatte schon lange keine Bibel mehr in der Hand, wahrscheinlich seit meiner eigenen Konfazeit. Bibeltexte habe ich als altbacken und kompliziert abgespeichert, mit längst vergessenen Wörtern wie Drangsal oder Jauchzen.


„Was macht ihr eigentlich so in Religion?“, fragte ich, angeregt durch die Heilige Schrift im Haushalt, den Teenager am Frühstückstisch (zum Konfaunterricht kann er ja aus gegebenem Anlass noch keine Auskunft geben). Ohne den Blick von seinen WhatsApp abzuwenden, kam die Antwort überraschend schnell: „Was über Amos und Jonas, so Propheten. Und über die Affenforscherin Dian Fossey. Vorbilder und so halt.“

Vorbilder, aha. Mir kommen die barmherzigen und gastfreundlichen Menschen aus dem neuen Testament in den Sinn, denen ich laut Dekan und Pastor nachzueifern hatte.

„Wer sind denn deine Vorbilder?“, bohrte ich weiter - bemüht, meine Frage belanglos klingen zu lassen. Ohne vom Handy aufzusehen, kam auch hierzu die Antwort prompt: „Freshtorge.“ Ich höre mich tief einatmen und tief wieder ausatmen. Mein Kind hat einen Youtuber aus Wesselburen als Vorbild. Immerhin einer der Wenigen, die was zu sagen haben und nicht nur Dünnpfiff labern oder ihre Gucci-Brille in die Kamera halten, dachte ich. „Ach der“, sagte ich fachkundig. „Und was findest du toll an dem?“ „Naja, der ist cool und selbstbewusst.“ Ich höre wieder meinen Atem, diesmal ungewöhnlich laut. Cool und selbstbewusst, sind das die Eigenschaften, denen es heute nachzustreben gilt? War meine Werteerziehung so oberflächlich? Warum denn ein Youtuber? Warum nicht ein Autor oder Sportler oder wenigstens ein echter Musiker? Waren das die Folgen der Welt, in der wir leben - einer digitalen Welt, in der wir viel reden und kaum zuhören und wenn wir zuhören oder reden kaum vom Endgerät hochschauen? Einer Welt, in der wir überall hinreisen können, weltweit vernetzt sind, aber nicht bei uns ankommen? Einer Welt, in der ein Großteil der Kids glaubt man sei cool, wenn man viele Follower auf Insta und Tik Tok hat und in der es ungerecht scheint, wenn der Sitznachbar in der Schule ein neueres Applegerät hat als man selbst? Einer Welt, in der Siri und Alexa bedingungslos Befehle erfüllen und wir trotzdem noch Stress haben? Einer Welt, in der WLAN zu den Maslowschen Grundbedürfnissen gehört und Kids seelisch obdachlos werden, sobald sie ohne Handy sind?


Der Pessimismus brannte an jenem Abend mit mir durch und gesellte sich auch nachts noch unter meine Daunendecke, um mich mit Grübelattacken über Gott und die Welt zu ärgern. Ich träumte von Gefahren der Digitalisierung, der Verrohung der Sprache und Cybermobbing, von Corona-Gefahren - nicht die, die gesundheitlicher Natur sind, vielmehr die gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und nicht zuletzt moralischen Sekundäreffekte des Geschehens. Ich sah Schlagzeilen wie Wanken objektiver Wahrheiten, der Verfall des Fortschrittoptimismus, Affektpolitik und immer wieder erklang ein pastoraler Singsang, der zu mehr solidarischer Zusammenarbeit aufrief.

In der Morgendämmerung rempelte mich dann schließlich erschöpft meine innere Stimme an: „Nachts löst man keine Probleme“, flüsterte sie sanft in mein Ohr. Mir dämmerte, dass sie Recht hatte und in der Morgendämmerung nickte ich schließlich ein.


Zwei Tage nach meinem kleinen psychischen Lockdown kam der Teenager nach Hause und hielt mir stolz seine Religionsarbeit unter die Nase. Das Thema war Vorbilder und er hatte eine Zwei. Eine Frage darin lautete: Wer ist dein Vorbild und was schätzt du an dieser Person? Seine Antwort: Michael Smolik. Der ist sportlich, ehrgeizig verdient gut und ist als Polizist immer hilfsbereit. Na also, doch alles richtig gemacht mit der Werteerziehung. Ganz ohne Bibel.


Patchwork-Psychologie

Eine Stärke-Übung:

1. Wer ist dein Vorbild?

2. Benenne 6 Eigenschaften, warum diese Person dein Vorbild ist, z.B. a) klug, b) souverän, c) zielorientiert, d) kreativ ...

3. Nimm dir den Zettel und lies die 6 Eigenschaften laut vor - setze „Ich bin ...“ davor. Ich bin klug, ich bin souverän, ich bin zielorientiert ...

Die sogenannte Madonna-Methode eignet sich zur Ressourcensuche. Mit dem Blick auf eine Person, die einen besonders beeindruckt, lassen sich eigene Stärken und Entwicklungspotential entdecken, denn wir suchen uns unsere Vorbilder nach dem aus, wie wir sind oder gern sein möchten. Oft tragen wir diese Eigenschaften sogar schon in uns selbst.



Wenn Sie Unterstützung im Umgang mit den Schwierigkeiten im Patchwork-Alltag oder eine Pubertätsberatung wünschen oder einfach an Ihren Ressourcen arbeiten möchten, dann sprechen Sie mich gerne für ein Coaching an: info@elawindels.de

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