Die Tür

Seit nunmehr einem Jahr wohnen wir in unserer neuen Wohnung, seit nunmehr einem Jahr gibt es einen Streit um unsere Wohnungstür.

Beim Einzug fanden wir sie wie jede andere Wohnungstür auch vor: Wenn man sie schließen wollte, musste man sie sanft anstupsen, damit sie ins Schloss fiel. Der Teenager, von Natur aus faul, entdeckte schnell eine Einstellung, mit der die Tür von alleine zufiel. Ein Arbeitsschritt weniger, sogar im Wortsinn! Dankbar über die Erkenntnis, sich diesen Mehraufwand sparen zu können, bequengelte er Rudi so lange, bis dieser die teenagergerechte Einstellung an unserer Haustür vornahm – maulend zwar, not really amused - aber überstimmt, denn auch ich fand die Idee charmant, dass unsere Haustür autonom in Schloss fällt: So kann man einfach mit den vollen Pfandflaschentüten in den Hausflur huschen oder beladen mit dem Wochenendeinkauf direkt in die Küche eilen, ohne sich um das lästige Schließen der Tür kümmern zu müssen. Klingt doch reizvoll. Aber ganz ehrlich: Im Grunde war ich von Beginn an eher leidenschaftslos, was das Thema Türeinstellung anging.


Nicht so die beiden Männer, wie sich im Laufe des Jahres zeigte.

Der Teenager bestärkte hin und wieder die Richtigkeit der Entscheidung und schwärmte von der Praktikabilität, wenn er die Wohnung betrat oder verließ. Und während er quetschvergnügt weiter seines Weges schritt, motzte Rudi und beschwerte sich über die Tür, die mit einem Rumms einfach wie von Geisterhand zuging.


Ich beobachtete den sich entwickelnden – nennen wir es Phantomkonflikt – um unser Eingangsportal. Mal genervt, mal schmunzelnd, oft kopfschüttelnd, hin und wieder teilnahmslos und gerne auch mit dem klugen Ratschlag an Rudi, er solle den Türschließer einfach wieder rückgängig stellen.


Es dauerte. Wochen, Monate, Sprüche. Bis eines Märztages – als sei es ein guter Jahresvorsatz gewesen, Rudi die Tür wieder auf die Ausgangsposition stellte.

Weil das Thema mittlerweile so an Präsenz zugenommen hatte, war es mir sofort aufgefallen.

Sanft und ohne Worte ziehe ich unsere Haustür seit diesem Tage nun in ihr Schloss.

Nur einmal, ganz am Anfang, da bin ich nochmal mit der Tür ins Haus gefallen. Wir kamen vom Einkauf und Rudi war der letzte, der voll beladen die Wohnung betrat, die Tür hinter ihm noch sperrangelweit offen. Statt sie hinter ihm zu schließen sagte ich süffisant: „Du machst die Tür zu, du wolltest es so!“ Hui! Das Tür-Thema hatte Spuren hinterlassen. Auch beim Sohnemann, der in den folgenden März- bis Aprilwochen ausreichend Anlass zur Beschwerde fand: „Scheiß Tür, bescheuert, die könnt ihr selber zu machen ...“


Nun steuern wir auf Mai zu, wir leben schon ein paar Wochen mit der „normalen Türeinstellung“ und alles ist gut. Nur selten vermisse ich den luxuriösen Ich- nehme-euch-Arbeit-ab-und-schließe-mich-selbständig-Modus. Aber es ist noch niemand zusammengebrochen, weil er nun eine Tür schließen muss. Es ist leiser als vorher, wenn jemand das Haus verlässt. Die Zwillinge sperren sich nicht mehr aus Versehen aus, wenn sie schon mal zum Fahrstuhl vorpreschen. Endlich ist Ruhe im Eingangsbereich eingekehrt. Man gewöhnt sich an alles. Oder besser: Auf die richtige Einstellung kommt es an.


Patchwork-Psychologie Bleibt die Frage: Worum ging’s eigentlich?

Eine neue Wohnung, die warm empfängt auf der einen - und ein Bewegungsmelder für Licht sowie ein einladender Fahrstuhl im Hausflur auf der anderen Seite – wie bequem! Und trotzdem war ich monatelang einem seltsamen Flur-Kampf ausgesetzt. Ging es um Macht? Abgrenzung? Auflehnung? Autonomie? Rollendefinition? Oder wirklich nur um die Sache? Was meint Ihr? Ich freue mich auf zahlreiches Feedback aus der Patchwork-Community.






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