Das Erbe unserer Eltern

„Das Erlebte schaut mich im Schreiben noch einmal an, mit einem anderen Blick.“

(Herta Müller)


Wir alle sind Produkte unserer Lebensgeschichte. Unsere Familie formt uns. Wir übernehmen zwangsläufig viele der Vorstellungen und Verhaltensweisen von unseren Eltern und geben diese wiederum an unsere eigenen Kinder weiter. Alte Glaubensmuster prägen unser Handeln und Nichthandeln. Unsere Geschichte sagt also einiges über unsere Gegenwart aus.

Wie sehr uns unsere Herkunft prägt und wie sehr wir in familiären Mustern gefangen sind, ist uns oft nicht bewusst. Die Familie, aus der wir kommen, hat aber Macht. Sie ist nicht allmächtig. Wenn wir dysfunktionale Muster erkennen und zu durchbrechen lernen, können wir uns davon befreien, um diese nicht an unsere eigenen Kinder weiter zu geben.


Mein Elternhaus war ohne Eltern. Meine Oma war aber immer da und eine Mutter hatte ich auch. Bis ich 14 Jahre alt war. Knallorange stach das Haus meiner Kindheit zwischen den anderen Klinkerfassaden in der Straße heraus. Wie der Großteil der anderen Häuser wurde auch unseres von einem Jägerzaun geschützt. Der eigenwillige Geruch von Carbolineum erfüllte die Straßen der Kleinstadtsiedlung. Unser Garten war klein aber vielfältig, bunt und wild.

Ich hatte eine schöne Kindheit, die überwiegend draußen statt fand: Im Schwimmbad, auf dem Reiterhof, auf der Eislaufbahn, in den Feldern und Wiesen rund um die Stadt. Ich war Pfadfinderin, Klassensprecherin und Hauptdarstellerin im Schultheater. Ich wurde bei Ballspielen immer als erstes Mädchen gewählt und habe Medaillen im Schwimmen gewonnen. Ich wurde von Freunden und Lehrern angeregt, motiviert, gefördert. All das hat mich als Mädchen geprägt. Aber im Wesentlichen bestimmt das Familienklima meine Persönlichkeit und meine Beziehungen: Zum Partner, zum Kind, zu Freunden und Vorgesetzten.

Meine Persönlichkeit ist geprägt durch einen frühen Verlust meiner Mutter.

Wie sehr dies für mein Glück und Unglück verantwortlich ist, vermag ich nicht zu sagen. Das wäre vermessen. Aber die lange Krankheit und der frühe Tod sind verantwortlich für einen Großteil meiner Identität, meiner Interessen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

So habe ich zum Beispiel Psychologie studiert, um meiner Biografie gerecht zu werden und der Psyche meiner Mutter näher zu kommen. Ich habe früh das Schreiben für mich entdeckt, um meiner Seele eine Sprache zu geben. Beides Erben meiner Kindheit.

In meinem limbischen System sind Gefühle wie Einsamkeit, Verlustangst und Traurigkeit fest verankert und grätschen auch in guten Zeiten immer mal wieder in die Gegenwart.

Gleichzeitig habe ich früh schon eine unvergleichbare Stärke entwickelt und damit einhergehend die Fähigkeit mein Leben mit großer Gestaltungskraft selbst in die Hand zu nehmen.


Was von den Gefühlen und Ängsten gebe ich an mein Kind weiter?

Welche Einstellungen, Interessen und Verhaltensweisen forme ich bei meinem Sohn?

Welche Werte kann ich vermitteln?

Welche Streitkultur leben wir in der gegenwärtigen Familie?

Welche Problemlösestrategien haben wir parat?


Mein Kind wächst wohl behütet auf, eher im Überfluss, ein Klima ohne große Krisen und Krankheiten, ohne Not und Einschränkungen, wenig normativ und autoritär.

Er ist mit seinen 13 Jahren schon deutlich mehr gereist, als ich es bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr getan habe. Er bewegt sich häufig im Internet und bedient alles, was Knöpfe hat und blinkt ganz intuitiv. Er gehört zu der ersten Generation, die ihren Eltern etwas beibringen kann, so stand es neulich in einem langen Artikel über Handy- und PC-Nutzung in der ZEIT. Er hat ein Kindergartenjahr lang vegetarisch gelebt, war mit auf Demos gegen Atomkraft, weiß was LGBTQ bedeutet und spricht "Aerosole" ebenso souverän aus wie "Inzidenzwert". Er ist ein Trennungskind. Er ist ein Großstadtkind. Er sieht mich als berufstätige Frau, als Emotionsschleuder mit Wut und Traurigkeit. Er hat Nähe und Urvertrauen erfahren. Er hat eine Bonusfamilie, in der plötzlich zwei kleine Stiefgeschwister und ein Mann auftauchen und die Rollen neu sortiert werden.


Was macht all das?

Wo verlaufen die Grenzen des familiären Erbes?

Wieviel Einfluss hat die Schule?

Instagram?

Freunde?

Die Patchworksituation?

Und welches Familienklima nehmen die beiden Patchwork-Kinder mit, die in zwei ganz unterschiedlichen und getrennten Familiensystemen zurechtkommen müssen?


Um all diesen Fragen ein Stück weit mit Antworten näher zu kommen ist es gut, sich

hin und wieder zu orten. Wer sich auf Spurensuche begibt hat die Chance, zu verstehen: Wie hat das wie ich aufgewachsen bin Einfluss auf das was ich heute tue und weitergebe? Welche Erfahrungen aus den frühen Kinderjahren lehren uns, in einer bestimmten Art zu denken? Oder: Welchen Einfluss hat das sogenannte "Innere Kind" auf das Erwachsenenleben?

In der Begegnung mit mir selbst gehe ich hin und wieder mit meinem inneren Kind in Kontakt, betrachte es stolz und wenn nötig tröste ich es. Ich habe gelernt, dass viele der Gefühle heute alte Gefühle von damals sind, im Körpergedächtnis abgelegte Erfahrungen, die durch bestimmte Trigger ausgelöst werden. Ich weiß, dass ich von meinem Kind mehr Zuneigung erwarte, weil ich selbst als Kind so wenig bekommen habe. Ich weiß, dass mir Vertrauen und Verlässlichkeit in Beziehungen das allerhöchste Gut sind, weil ich als Kind mit krasser Unzuverlässigkeit und starker Ambivalenz konfrontiert wurde. Und sicher projiziere ich ein bestimmtes Bild von heiler Familie auf meine eigene, weil ich sie selbst so nie erleben durfte. Das Gute ist: Ich weiß darum. Weil ich auf Spurensuche bin. Weil ich gerne mal in meinem Unbewussten grabe, um mir Dinge bewusst zu machen. Denn wie sagen wir Coaches immer so schön: erkennen: benennen: verändern - das führt zu mehr Erfolg und Zufriedenheit.


Patchwork-Psychologie

Spurensuche zur Selbstreflexion hilft dabei, dass aus Erlebnissen Erfahrungen und aus Erfahrungen Erkenntnisse werden können. Ohne Reflexion bleiben Stärken und Schwächen unerkannt, schleichen sich fragwürdige Muster und Routinen ein oder es bilden sich sogenannte blinde Flecken. Dabei können wir uns nicht nur selbst als individuelle Person hinterfragen, sondern auch als Teil des Systems Familie.


Podacst-Tipp: In meinem Interview mit #mamaspeciale hört ihr spannendes zum Thema "Meine Mutter und ich - Biografiearbeit mit Ela Windels"

https://alleinerziehend-berufstaetig-erfolgreich.de/083-meine-mutter-und-ich-biografiearbeit-mit-ela-windels












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